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DAS WEITERGEGEBENE TRAUMA

«Frühe Prägungen von Angst und Gewalt, körperliche und seelische Traumata, erlebten ich, meine Mutter und auch schon die Grossmutter. Missbrauch, Stress und Druck und zementierte Glaubenssätze – all das wirkt sich nicht nur auf diejenigen aus, die es selbst erleiden, es kann sich sogar auf die nachfolgenden Generationen auswirken. Diese entwickeln dann Symptome, als hätten sie das Leid der Eltern selbst erlebt.»

 

Vererbte Traumata werden noch nicht so häufig in Berichten, Dokumentationen und ähnlichem thematisiert, was aber nichts daran ändert, dass sie zu den Formen der Traumatisierung zählen, die in der Praxis vorkommen.

Ausschnitt aus der Gesundheitssendung: Das weitergegebene Trauma


SCHRECKEN DES KRIEGES GEERBT

Um die Entdeckung, dass sich ein erlebtes Trauma in der Erbsubstanz einbrennen kann, entstand in den letzten zehn Jahren ein neues Forschungsfeld – das der Epigenetik. Für die Forschenden stellte sich eine aufregende Frage: Wenn diese Veränderungen an der Erbsubstanz haften, vererben sie sich auch an nachfolgende Generationen?

Traurigerweise stellten sich Katastrophen und Kriege als besonders geeignet heraus, um diese Frage zu beantworten. Denn bei solchen Ereignissen erleben Hunderttausende von Menschen dasselbe Trauma. So lässt sich untersuchen, ob und wie sich das auf ihre Kinder auswirkt.

Das tut es. Und zwar deutlich. Das zeigten mehrere Studien internationaler Forschungsgruppen zu einer Hungersnot in Holland im Zweiten Weltkrieg. Im Winter 1944 blockierten die Nazis sämtliche Transporte von Nahrungsmitteln in die Niederlande. So litten in diesem Winter über viereinhalb Millionen Menschen Hunger – darunter Tausende von schwangeren Frauen. Sie mussten mit weniger als 800 Kilokalorien pro Tag durchkommen. Das ist weniger als ein Drittel des Tagesbedarfs einer Schwangeren. 

Bei der Geburt waren die meisten Babys denn auch zu klein und zu leicht. Und heute, im Erwachsenenalter, leiden sie auffällig häufiger an gesundheitlichen Beschwerden als ihre Geschwister, die vor oder nach dem Krieg zur Welt kamen. Ein Ergebnis aber liess die Wissenschaftler aufhorchen: Brachten die Kinder des «Hungerwinters» später selber Babys zur Welt, waren auch diese untergewichtig – ungeachtet des heutigen Überflusses. Fast scheint es, als ob die Grossmütter ihren Enkeln das Leid des Krieges vererbt hätten.

 

Und tatsächlich fanden Forschende auch bei den Kindern und Enkeln dieses Kriegswinters ein verändertes epigenetisches Muster der Methylierungen am Erbgut.

 

Weitere Generationen betroffen

Doch wie schlimm muss ein Trauma sein, damit es sich weitervererbt? «Dazu braucht es nicht unbedingt einen Krieg oder eine landesweite Katastrophe», sagt Isabelle Mansuy, Hirnforscherin an der Universität und der ETH Zürich. Missbrauch und Vernachlässigung seien Alltag im Leben vieler Kinder, sagt sie. «In Familien, in der Schule, in Kirchen – es passiert überall.» Die Zahlen geben ihr recht: Gemäss einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2013 wird in Europa etwa jedes zehnte Kind sexuell missbraucht, und jedes fünfte Kind geschlagen.

 

Therapien noch nicht in Sicht

Dass aus ihrer Forschung bald neue Ansätze entstehen, psychische Erkrankungen zu behandeln, glaubt Mansuy allerdings nicht. «Wir beginnen erst, die Mechanismen im Körper zu verstehen», sagt die Hirnforscherin. Da die epigenetischen Veränderungen wahrscheinlich in jeder einzelnen Körperzelle stattfinden, lässt sich eine einmal festgeschriebene Prägung auch nicht so einfach umkehren. «Aber das Forschungsgebiet der Epigenetik ist noch sehr jung», sagt die Mansuy. So bleibt das Anwenden der Erkenntnisse in eine Therapie wohl einer nächsten Generation vorbehalten.

Text von Michael Baumann